Ein Manager ist einem männlichen Affen ähnlicher als einer Managerin
Weil Frauen sich lieber auf ihre Kompetenzen berufen, als Machtspiele auszufechten, ziehen sie im Kampf um die Chefposten oft den Kürzeren, sagt Trainer und Buchautor Claus von Kutzschenbach. Er erläutert, warum Frauen aus ihrem Dornröschenschlaf erwachen ...
INTERVIEW MATHIAS MORGENTHALER
Herr von Kutzschenbach, Sie beschäftigen sich seit fünf Jahren mit Frauen im Management.Blicken Sie auf eigene Erfahrungen mit weiblichen Vorgesetzten zurück?
CLAUS VON KUTZSCHENBACH: Ja, ich hatte im Verlauf meiner Angestelltenzeit zwei Chefinnen. Die eine war ausgezeichnet und führte deutlich weicher als ein Mann, die andere ärgerte mich gelegentlich, aber das lag in erster Linie daran, dass sie sehr jung und ich noch jünger war damals. Meine Erfahrung und die Forschung zeigen übrigens einheitlich: Männer haben in der Regel keine Mühe damit, eine Frau als Chefin zu akzeptieren, die Frauen tun sich viel schwerer damit. Frauen, die gut führen können und den Sprung nach ganz oben geschafft haben, leben in einem Königreich auf Erden. Das zeigen Beispiele deutscher Witwen, die es gegen alle Prognosen schafften, die milliardenschweren Konzerne ihrer Männer weiter auf Erfolgskurs zu halten.
Die Frage ist, wie Frauen ohne Erbschaft den Sprung nach oben schaffen.Wie wurden Sie zum Karriereberater für Frauen?
Das war reiner Zufall. Ich war auf Seminarreise in Slowenien und stellte im ersten Seminar fest, dass nur Managerinnen im Raum saßen. Die sagten mir bald einmal, führen könnten sie schon, sie möchten lieber wissen, welche spezifisch weiblichen Vorteile sie gegen Männer im Management nutzen könnten.
Claus von Kutzschenbach: «Es gibt Anlass zur Hoffnung, Frauen würden etwas sorgsamer mit den begrenzten Ressourcen umgehen.»
Was fällt Ihnen da spontan ein?
Ich war ziemlich überrumpelt und beschrieb in meiner Not zunächst einmal die Männerrituale, mit denen alle, die aufsteigen wollen, konfrontiert sind. Männer brauchen eine klare Hierarchie und Funktionsbezeichnung, damit sie schnell und loyal funktionieren können. Das bedeutet: Zunächst wird immer die Hackordnung ausgehandelt – Sie können das in jeder Managerkonferenz beobachten. Den meisten Frauen ist dieses Aushandeln der Rangordnung völlig fremd, sie reagieren mit Unverständnis darauf und sind rasch beleidigt, wenn der Mann die Ellbogen einsetzt. Viele wollen nicht wahrhaben, dass Gestaltung und Machtkämpfe ebenso zum Wirtschaftsalltag gehören wie Profilierung über die Kompetenz. Der Vorteil der Frauen ist, dass sie die Dinge auch hierarchiefrei betrachten können. Zudem hören sie mehr Zwischentöne heraus und können sich vielfältiger ausdrücken. Das ist für die Problemlösung hilfreich, bei der Durchsetzung hingegen eher ein erschwerender Faktor.
Weshalb wäre es aus Ihrer Sicht wichtig, dass mehr Frauen in die Chefetage grosser Unternehmen aufstiegen? Würde das die Wirtschaft verändern oder bloss die betroffenen Frauen?
Wir können es nicht wissen, aber ich verbinde viele Hoffnungen damit. Was man aus empirischen Tests weiss: Durchmischte Gruppen erbringen bessere Leistungen. Das gilt auch für die Chefetage. Darüber hinaus stellen wir fest, dass unsere Gesellschaft an ihre Grenzen stösst – vielleicht aufgrund aggressiven, expansiven männlichen Verhaltens: Vor 33 Jahren wurde im Club of Rome festgestellt, dass wir uns mit Rükksichtslosigkeit gegenüber der Umwelt unser eigenes Grab schaufeln. Diese Diagnose ist unverändert gültig. Die Männer haben es bislang nicht verstanden, adäquat auf die Situation zu reagieren. Es gibt Anlass zur Hoffnung, Frauen würden etwas sorgsamer mit den begrenzten Ressourcen umgehen. Dazu kommt das pragmatische Argument, dass noch nie so viele Frauen so gut ausgebildet waren und dass es unsinnig ist, dieses Potenzial brachliegen zu lassen.
Und weshalb schaffen dennoch nur ganz wenige den Sprung nach oben?
Der Hauptgrund ist wohl, dass Kinder kriegen und Karriere machen sich noch immer weitgehend ausschliessen. Von drei Topmanagerinnen leben zwei kinderlos. Das heisst: Auszeit und Wiedereinstieg sind nach wie vor schlecht akzeptiert auf der höchsten Stufe. Dazu kommt, dass die Frauen in den für höhere Führungsaufgaben relevanten Studienrichtungen schon bei Studienabschluss in der Minderheit sind. Und dann darf man nicht vergessen, dass viele Frauen sich den Schritt nach ganz oben nicht zutrauen. Die Diversity-Managerin der Deutschen Bank sagte mir kürzlich, sie wünschte sich, dass Frauen mutiger wären und dezidierter Einflussnahme forderten. Viele verhielten sich zu sehr wie Dornröschen und warteten, bis ein Prinz sie aus hundertjährigem Schlaf wach küsst.
Einen wichtigen Grund lassen Sie unerwähnt: Dass Männer ihre Macht absichern und unter sich bleiben wollen . . .
Das ist nicht das Hauptproblem. Gute Manager sträuben sich nicht gegen eine Kollegin. Natürlich hängt vieles vom Horizont und vom Selbstwertgefühl der Machthaber ab. Aber auch Frauen, die aufsteigen wollen, können den Lauf der Dinge beeinflussen. Entscheidend ist oft die Loyalitätsfrage. Bei Männern weiss man: Wenn die Hackordnung einmal bestimmt ist, führen sie vollkommen loyal Befehle von oben aus
– sogar solche, die ihre Existenz gefährden würden. Frauen hingegen definieren sich weniger über die Hierarchie als über Kompetenz und Sachfragen, sie gelten als weniger loyal. Ich verhalf schon zwei Managerinnen zu einem Karriereschritt, indem ich ihnen riet, sie sollten beim Jahreszielgespräch ihrem Chef nicht nur Kompetenz und Leistungsbereitschaft, sondern unbedingt auch Loyalität signalisieren.
Sie betonen zahlreiche geschlechtsspezifische Unterschiede. Liegen tatsächlich Welten zwischen einer weiblichen und einer männlichen Führungskraft?
Der Genforscher David Page ist Anfang Jahr zur Erkenntnis gelangt, dass der Unterschied zwischen den menschlichen Geschlechtern grösser ist als der zwischen den menschlichen Rassen. Ein männlicher Affe ist einem Mann genetisch ähnlicher als eine Frau. Die Emanzipationsbewegung hat leider im berechtigten Kampf um die rechtliche Gleichsetzung von Mann und Frau übers Ziel hinausgeschossen und gleich noch die biologischen und psychologischen Grenzen verwischt. Eine solche Gleichmacherei hilft niemandem. Wir wissen aus zahlreichen Untersuchungen, dass sich männliche und weibliche Alphatiere im Geschäftsleben unterschiedlich verhalten und dass sie sich darüber hinaus, wenn sie das Gleiche tun, oft genug unterschiedlich fühlen. Diese Unterschiede gilt es im Führungsalltag unbedingt zu berücksichtigen.
Kontakt:
cvk@kutzschenbach.de
Literatur: C. von Kutzschenbach: Frauen – Männer – Management. Rosenberger Fachverlag 2005, 235 Seiten, Fr. 41.80.